Buchbesprechung: "Farbpigmente.Farbstoffe. Farbgeschichten"

Aktualisiert: 5. Juni 2018

alataverlag, 2010

Hrsg: Cattaneo, Muntwyler, Rigert, Schneider

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Farbe ist materiell und immateriell zugleich, sie entzieht sich der genauen Definition, sie ist so wunderbar uneindeutig- sie gehört in die physikalische Welt ohne wirklich materiell zu sein. Wir sind ständig von Farbe umgeben und Farbe hat eine mächtige und direkte Wirkung auf unsere Gefühle und auf unser Befinden. Doch ist der Umgang mit Farben häufig eher dem Zufall überlassen.

Farben sind Bestandteile des Lichts; ohne Licht existieren keine Farben. Für den Physiologen ist die Farbe eine Sinnesempfindung, die das Gehirn über das Auge erreicht. Farbe setzt sich aus Energieteilchen zusammen. Die Augen sammeln die Informationen dieser Teilchen, leiten sie ans Gehirn weiter, und dort wird die Information schließlich entschlüsselt und als Farbempfindung wahrgenommen.

Um unsere Orientierung zu erleichtern, schwächt unser Gehirn auch die Empfindung der wechselnden Farben bei sich verändernder Lichtreflexion ab, so daß es den Anschein hat, als seien die Farben unveränderlich. Erst erhöhte Konzentration und geduldige Beobachtung unter Verdrängung anderer Sinnes- und Wahrnehmungstätigkeiten können uns wieder die Fülle der Farbnuancen offenbaren. Der Umgang und die Beschäftigung mit Farben erfordert Geduld und Ausdauer.

In vielen Maltechnikbüchern wird einer möglichst großen Reduzierung der Palette, der von einem Maler verwendeten Farben, das Wort geredet. Wieso habe ich nie verstanden. Gerade die genaue Kenntnis der Materialien erlaubt es ganz andere Farbwirkungen zu erzielen, als mit den drei bunten Grundfarben, gelb, rot und blau (ergänzt um die unbunten Farben weiß und schwarz). Im Buch werden hunderte Pigmente vorgestellt und in einer unglaublichen Qualität abgedruckt. Dies ermöglichst es, auch Materialien kennenzulernen, die nicht mehr oder nur sehr schwer zu erhalten sind, weil sie nicht mehr hergestellt werden und/oder giftig sind. Auch die früher - weil es kein besseres Material gab! - verwendeten Pflanzenfarben, die leider nicht sehr stabil sind.

Es gibt Bücher, nach denen man sein Leben lang auf der Suche ist. Dieses Buch ist für mich eines, dass ich immer gesucht habe, ein perfektes Buch über Farben, über Pigmente und Farbstoffe, In diesem Buch sind erstmalig (fast) alle Pigmente abgedruckt, die man kennen sollte, um wirklich über Malmaterial Bescheid zu wissen, nach diesem Buch - und einigen Versuchen - kann sich der Künstler seine Palette zusammenstellen, wenn auch die Suche nach der perfekten Palette für den "Farbverrückten ", so wie ich einer bin, nie ein Ende hat. Es gibt auf den Farbkarten der Hersteller viele Farben, die wie es so schön in einem meiner Farbbücher aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts hieß, für den faulen Maler gemacht sind, überflüssige Mischungen, hier in diesem Buch werden nur reine, unverschnittenen Pigmente vorgestellt.

Dieses Buch ist ein absolutes Muß nicht nur für Künstler, auch für Kunstwissenschaftler, die hier fast alle Farben kennenlernen können, die seit der Höhlenmalerei benutzt worden sind, natürliche und künstlich hergestellte, organische und anorganische, auch Farben, die zum Stofffärben benutzt wurden.

Wichtig sind oft ganz kleine Details, wie der Hinweis, dass Wismutgelb zitron ( auch als Vanadiumgelb hell im Handel) einen Tick strahlender ist, als Kadmiumgelb zitron, eine Tatsache, die ich selber schon festgellt hatte, die mir aber jetzt noch klarer geworden ist. Dieser und hunderte anderer Tipps ermöglichen es, sein Material in einer bisher unbekannten Tiefe kennenzulernen, als Beispiel seien nur die hier aufgeführten elf grünen Erden und die fast 20 Schwarzpigmente genannt.

Besonders hervorzuheben ist die Qualität der Aufstriche, die Stefan Muntwyler in jahrelanger Arbeit hergestellt hat. Ich hatte das Glück, ihn in seinem Atelier, das eher einem Labor ähnelt, besuchen, seine Gastfreundschaft genießen und mich einen halben Tag mit ihm austauschen zu können, und Farben zu sehen, die ich noch nie im Original gesehen hatte - wie den echten Purpur, der pro Gramm fast 2.500,- € kostet!

Oft hört man von Malern quasi eine Entschuldigung, dass sie noch malen und keine Performances machen, wieso eigentlich? Wieso soll malen unmodern, altmodisch, ja geradezu reaktionär sein? Schön, wenn man sich um all diesen Unsinn nicht kümmert, sondern einfach malt und sich nicht darum schert, was der heutige Trend ist. So frage ich mich: Was heißt überhaupt modern? Wer definiert das? Bestimmen alleine die Materialien oder die Technik, was modern ist?

Es ist eben nicht egal, welches Material man nimmt, ob man billige, gestreckte Farbe verwendet oder 100 % reine, unverschnittene Pigmente nimmt. Für den Anfänger genügen die billigen Farben, der Profi ist auf bestes Material und seine Kenntnis angewiesen.

Bilder, daran sei noch einmal erinnert, gute Bilder liefern etwas ganz Bestimmtes, was außerhalb dieses Mediums nicht zu bekommen ist und das zur Zeit, da sich ein Großteil der Kunstproduktion um die Mega-Metapher der Gegenwart, um das "Prozesshafte" dreht, fast schon den Status einer Rarität erhält. Ihr Angebot nämlich besteht in der Fixierung spezifischer Momente der Wahrnehmung, in denen die Dinge der Welt in prototypischer Gestalt erscheinen. Ist derartige Kunst naiv, nostalgische Renitenz? Wohl kaum, sondern zu sehen als eine hochreflektierte, anti-naturalistische Geste. Solche Bilder ergreifen tiefenwirksam den Betrachter durch ästhetische Strategien. Sie evozieren das Kunst- bzw. Evidenzerlebnis und eine Ausschüttung der prächtigsten Endorphine.

Natürlich wird man die Möglichkeit zu existentiellen Erfahrungen dieser Art nicht leichtfertig im Orkus verschwinden lassen. Die Malerei ist nicht tot.

Diesem Buch ist anzumerken, hier haben bei der Erstellung der Texte, der Aufstriche, bei Satz, Druck(!) und Gestaltung Menschen mit Hingabe gearbeitet, haben es geschafft, in jahrelanger Arbeit ein fast perfektes Buch über Pigmente zu erstellen, daß die zahlreichen guten Maltechnikbücher und Bücher wie Viktoria Finlays "Das Geheimnis der Farben - Eine Kulturgeschichte oder Margarete Bruns: "Das Rätsel Farbe: Materie und Mythos ", nicht ersetzt sondern in perfekter Weise ergänzt.

Es bedarf vieler tausender Stunden an Arbeit - dies haben die Autoren dieses Buches geleistet - um ein solches Kompendium zu erstellen, dafür müssen wir heutigen Maler dankbar sein.

Die Suche nach dem absoluten Material ist nie zu Ende, es gibt immer noch neue Pigmente, die bereichern: Beispiel Wismutgelb, von dem Muntwyler richtig bemerkt: " An Brilllianz übertrifft es sowohl das Zinkgelb, als auch zitronengelbe Varianten von Kadmium - oder Azopigmenten" . Es sind diese kleinen Hinweise, die dem Laien unwichtig zu sein scheinen, die das Buch für den Fachmann so wertvoll machen. Hier teilt einer seine jahrelangen Erfahrungen mit, macht kein Geheimnis aus seinen Erkenntnissen, sondern erleichtert uns Malern die Arbeit.

Hier werden die Farben in ihrer Persönlichkeit, in ihren unverwechelbaren Eigenschaften dargestellt, ohne die ohnehin fragwürdigen psyschologieserenbden Begriffe zu verwenden, die bei Farben so oft auftauchen.

Für mich sehr gut nachvollziehbar, wie Muntwyler beschreibt, wie er auf der Suche nach einem bestimmten Blau des apulischen Himmels war und es mit keinem der "üblichen" Blaupigmente ermischen konnte und schließlich auf Manganblau stieß. und er schreibt" Meine beharrliche Suche war endlich belohnt worden und zudem hatte ich gelernt, dass es Pigmente gibt, die durch nichts zu ersetzen sind." Mir ging es ähnlich mit einem Zinnoberrot, dass ich auf einem italienischen Bild des 15. oder 16. Jahrhunderts sah, erst als es mir gelang, einen kleinen Rest von echtem, natürlichen italienischen Zinnober in meinem Bonner Farbladen zu erstehen, gelang es mir, den Rot-Ton exakt zu treffen.

Es wird oft von den Farben der sogenannten "Alten Meister" gesprochen. Ich bin überzeugt davon, dass sie von den heutigen Angeboten und Möglichkeiten fasziniert wären und sich so intensiv mit den heutigen Materialien befassen würden, wie sie es mit den begrenzten Materialien der damaligen Zeit gemacht haben. Besonders die Buchmaler griffen oft auf sehr flüchtige vergängliche Farben zurück, weil es kein anderes Material gab und in den Büchern, die fast nie dem Licht ausgesetzt waren, haben sich diese Farben auch fast alle relativ gut erhalten. Sie arbeiten mit einer Hingabe, die den heutigen Künstlern oft fehlt und kannten ihr Material in- und auswendig, wußten es nicht zuletzt deshalb so meisterhaft einzusetzten.

Auch die Farben der "Alten Meister" werden im Buch bis auf wenige Ausnahmen, wie das aus echten Mumien hergestellte Braun - ausführlich vorgestellt und man sieht sehr gut, wie sie aussahen, welches reiche Spektrum sie in sich vereinigten.

Als Beispiel sei hier Gummi Gutti genannt ( Gamboge), das in seiner originalen differenzierten Farbigkeit nicht mit dem heutigen neuen Gummi Gutti zu tun hat, sondern eine viel dumpferen Ton hat.

Es gibt viele unsinnige Theorien über Farben, z.B. wie man aus den drei Grundfarben Gelb, Magenta und Cyan + Weiß und Schwarz alle Farben ermischen kann, wer versucht einen Ton wie ultramarinblau dunkel oder heliogengrün zu ermischen merkt sofort, wie unsinnig diese Theorien sind. Muntwyler stellt genau die entgegengesetze Theorie auf - und erprobt sie in der Praxis: "Seit ich Manganblau kenne, bin ich überzeugt, dass für alle Pigmente gilt: Was ich nicht habe, kann ich nicht ermischen. Mischungen sind höchstens Annäherungen, brauchbare und weniger brauchbare. Und immer wieder, wenn ich auf mir nicht bekannte Pigmente, farbstoffe oder alte Rezepturen stosse, ist mir, wie wenn ich kleine Geheimnisse lüfte. Funde überraschen und erfreuen mich. "

Mischungen führen immer zu Trübungen, deswegen ist es, will man reine, starke Farben verwenden, so wichtig, viele verschiedene Pigmente zu benutzen und zu kennen.

Ergänzt werden die Pigmentanalysen um Farbgeschichten( z.B. über echten Karmin, hergestellt aus Läuseblut), über Indigo ( die Farbe der Blue Jeans) , über die bei berühmten Gemälde verwendeten Farben, z.B. Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring) und über die Sprachetymologie des Wortes Farbe. ..

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