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Cilliní auf Achill Island (Irland)

 

Die Geschichte Achill Islands ebenso wie die Topographie der Insel hält ein sozialgeschichtlich wie kulturhistorisch gleichermaßen bedeutsames Zeugnis bereit: die Friedhöfe der ungetauft verstorbenen Kinder, die sogenannten >Cillinís<. Die traditionelle Lehre der Kirche besagt(e), daß Kinder, die gestorben waren, bevor sie getauft wurden nicht auf einem gesegneten Friedhof beerdigt wurden durften, so wurden sie namenlos außerhalb der Friedhöfe auf  ungeweihtem Grund beerdigt. Die Eltern glaubten, dass sie sie nie wiedersehen würden. das sie im Limbus Puerorum, dem Limbus der Kinder, seien, bestraft nach dem Tod, getrennt in alle Ewigkeit. Der Schmerz und die Trauer der Familien war und ist unendlich.

Diese Cillinís finden sich an mehreren, zumeist bereits in der Vergangenheit als Gedenkorte dienenden Plätzen der Insel –sichtbar in ihrer steinernen Spur, und doch für den, der nicht weiß, worauf diese wie lose gestreut sich darbietenden Zeichen aus Stein verweisen, dem Erkennen entzogen. Im Sichtbaren gegebene Spuren auf etwas Abwesendes, das in ihnen dennoch präsent, anwesend ist; ein Zugleich von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, in dem Geschichte und Landschaft der Insel miteinander verwoben sind. Diese Cillinís liegen oft auf einer Grenze, quasi in einem Niemandsland in einem Nicht-Land. Oft an abgelegenen Plätzen, manchmal auch mitten auf einem privaten Feld, nicht weit von einer Siedlung. Begraben wurden dort auch unbekannte Seeleute, die angeschwemmt wurden und deren Konfession man ja nicht kannte und - in Ausnahmefällen - auch getaufte Kinder, deren Eltern ein normales Begräbnis nicht bezahlen konnten.

Erkennbar und doch nicht erkannt waren die Kinderfriedhöfe zunächst auch für mich, als ich 1955 zum ersten Mal nach Achill kam und dort - wie in vielen Jahren darauf - den Sommer verbrachte. Nachdem ich jedoch um die Existenz dieser Friedhöfe wußte – und dies geschah bald, wobei mir als Kind in den 1950er Jahren zunächst der kleine Friedhof auf den Klippen in Dookinella bekannt wurde -, übten sie eine nahezu magische Anziehung aus, eine Faszination, die bis heute noch nicht, Jahrzehnte später also, in ihrer Ausstrahlungskraft gemindert ist. Wenn ich auf einem Cillin bin, denke ich oft an meinen ältesten Bruder Christoph, der 1945 geboren wurde und starb, obwohl er auf einem christlichen Friedhof begraben wurde, einen Namen bekam und dessen Grab noch existiert. Ich weiß, dass sein Schicksal nicht mit dem der totgeboren Kinder Achills zu vergleichen ist und doch denke ich dort an ihn.

Für mich als Nicht-Christen, ist es sehr wichtig  zu verstehen, was genau "Limbus Puerorum " bedeutet, denn so wird der Nicht-Ort zwischen Himmel und Hölle bezeichnet, an dem sich die ungetauft gestorbenen Kinder aufhalten sollen - auch wenn das Konzept inzwischen zur Diskussion gestellt wird, so ist es doch meines Wissens nach noch gültig. Die Kinder sollten dort - auf ewig getrennt von ihren Eltern - bleiben, zwar nicht den Qualen der Hölle oder des Fegefeuers ausgesetzt, aber doch  bestraft durch den Ausschluß von der Gottesschau und die ewige Trennung von ihren Familien. Ich las das umfangreiche, sehr detaillierte und ungeheuer informative Buch von Kaplan Dr. Johannes Maria Schwarz, Priester des Erzbistums Vaduz : Zwischen Limbus und Gottesschau - Das Schicksal ungetauft sterbender Kinder in der theologischen Diskussion des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein theologiegeschichtliches Panorama. dargestellt wird die Diskussion von den biblischen Grundlagen, über Altertum, Mittelalter und Neuzeit bis ins zwanzigste Jahrhundert, mit Texten u.a. aus dem 4. Jahrhundert, speziell von Augustinus, über Thomas Aquinas bis in die Jetztzeit. Die Diskussion hält an...

Den Cillinís von Achill Island als der Topographie und Geschichte der Insel untilgbar eingeprägte Signaturen möchte ich mich nun noch bereits vielen Jahren der Beschäftigung im Rahmen eines Projekts konkret und direkt zuwenden – in einem Projekt, das sich diesen als kulturgeschichtlichem Zeugnis in zwei wesentlichen Aspekten widmet: künstlerisch und dokumentarisch.

Mit Unterstützung der Einwohner Achill Islands sollen die mir inzwischen über 20 bekannten Kinderfriedhöfe zunächst dokumentiert und damit historisch gesichert werden. In einem weiteren Schritt möchte ich eine künstlerische Auseinandersetzung aufnehmen, deren Akzent insbesondere auf der Vermittlung und Deutung der Doppelsignatur der Cillinís als Ort und Spur des kulturellen Gedächtnisses liegen soll.

Darüber hinaus habe ich beide Aspekte in einer Publikation zusammen geführt. Im Rahmen dieser Publikation ist die Kombination von Dokumentation und bildender Kunst darüber hinaus ergänzt durch Texte in der Tradition des Haiku, die die visuelle Annäherung in der Dimension der Sprache übersetzen und weiterführen. Ich weiß, dass die Geschichte der Cilliní sehr sensibel ist, wenn ich darüber arbeite, so versuche ich dies mit dem nötigen Respekt und der nötigen Rücksichtnahme zu tun. Und ich bin dankbar für alle Hinweise, die mir helfen, dies zu tun. Ich werde weiter in situ skizzieren, mit dem Silberstift zeichnen, fotografieren und in meinem Atelier Arbeiten in Aquarell, Öl und mit chinesischer Tusche anfertigen.
© René Böll, 2009 , 2013

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Triptychon 4 je 160 x 179 cm, Öl über Acryl auf Leinwand, 2012-2014
Predella 4 je 59 x 179 cm 2013-2014

Cillíní on Achill Island

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Since the mid fifties when I was a child and passed the summer month on Achill Island, I was very impressed about the cillin in Dookinella  on the top of the cliffs. This was the only one we knew at this time. I remember, new graves there until the end of the fifties, probably the beginning sixties.

I never forgot about it and becoming older I worked on an artistic project about the cilliní on Achill Island and Currane peninsula, including poetry.

The phrase "Children's burial ground" refers to an unconsecrated place used primarily, though not exclusively, for the burial of unbaptised children. Unbaptised babies could not be buried in consecrated ground so they were buried between sunset and sunrise outside the walls of the graveyard or in a disused graveyard, a cillín or a ring fort. The church said that this children could not come into heaven but that the will remain in the Limbo, a special place and that they would never meet their parents again. Local folklore relates that adults, particularly strangers or suicides, were sometimes interred in these burial grounds.

Frequently the locations chosen were abandoned Early Christian church sites or ringforts, but children were also buried in such places as haggards and fields, boundary fences, cross-roads, under lone bushes, in cliff-clefts, on the sea-shore or outside a graveyard wall. Children's burial grounds are frequently located within a pre-existing early ecclesiastical site or ringfort.
Those sites which are not associated with an older monument are usually marked now by little more than an area of uncultivated stony ground, often raised above the general surroundings.

I my painting I want to make visible the unvisible, the things behind it, the unwritten but never forgotten history of this children.

My work is an epitaph for the children of Achill Island and all Ireland

© René Böll, 2009 , 2018