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Finsheen

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Finsheen I , Öl über Acryl auf Leinwand, 116 x 146 cm, 2016

Finsheen – ein Dorf verschwand

 

Nie hatte uns jemand von dem Weiler Finsheen nahe Dugort auf Achill Island in Irland erzählt, einer kleinen Ansammlung von etwa 12 Häusern, dort, wo sich heute die protestantische Kirche St. Thomas und der Friedhof befinden, den ich seit über 60 Jahren kenne. Oft sind wir auf dem Friedhof spazieren gegangen. Im Laufe der Jahrzehnte kamen viele neue Gräber hinzu: das der Postbeamtin, das der Frau, die das Strand-Hotel führte, das der Dame, der damals das große Slievemore Hotel gehörte - und dann die Grabstätten derer, die wir in Dugort noch erlebt und gekannt haben.

Auf Landkarten aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts kann man das Dorf, jedes einzelne seiner etwa zwölf Häuser – jedes ausgerichtet nach der wetterabgewandten Seite – exakt lokalisieren. Viele Stunden war ich vor Ort, versuchte Spuren zu finden, konnte nur einige wenige Mauerreste finden.

Niemand kennt die Geschichte des Dorfes. Bedauerlicherweise gibt keine Quellen darüber, warum das Dorf verschwand, wohin die Bewohner gingen. Es gibt nur einen einzigen Namen: Molley Vesey, die in Finsheen eine Art Ausschank – Kneipe wäre wohl zuviel gesagt – betrieb. Sicher hatte sie auch Poitín im Angebot, den bis heute schwarz gebrannten Schnaps. War die Familie Vesey, die wir in Dugort kannten mit ihr verwandt, ihre Nachkommen? Niemand weiß es zu sagen.

Ist dieses Dorf während der Großen Hungersnot zwischen 1845 und 1852 (1) ausgestorben? Wurden die Pächter vertrieben? Niemand weiß es mit Sicherheit zu sagen. 1854 wurde die Kirche St. Thomas  eingeweiht, vor deren Baubeginn das Dorf allerdings abgerissen worden sein muß. Für Irland (speziell für Achill Island) sehr ungewöhnlich, wurden doch normalerweise – jedenfalls früher – keine Häuser abgerissen, sondern einfach leer zurückgelassen, dem Verfall preisgegeben, die dann kaum noch aufzufinden sind. Sind die Bewohner weggezogen? Wohnten sie später, jedenfalls die, die die Hungersnot überlebt haben, in Dugort, oben auf der Klippe?

Als Kinder sahen wir noch einige wenige Menschen auf Achill Island, die kaum anders lebten, als die Menschen in Finsheen gelebt haben mögen. Die Häuser von Finsheen mögen ähnlich gewesen sein, wie im ›Verlassenen Dorf‹ am Fuße des Slievemore., eng beieinander gebaut, ohne Fenster, oft mit dem Vieh in einem einzigen Raum lebend, Kartoffeln und Buttermilch war der Menschen wichtigste Nahrung.

Auf dem protestantischen Friedhof von Finsheen gibt es zahlreich namenlose Gräber. Viele markierte lediglich ein Stein und eine Erdaufhäufung, es mögen über 100 sein. Seit kurzem erst sind sie durch einfache Holzkreuze gekennzeichnet, aber auch sie sind ohne Namen. Mir wurde erzählt, es seien Opfer der Hungersnot, die hier bestattet worden seien, da die protestantische Kirche das Begräbnis der katholischen Opfer erlaubte.

In meinen Arbeiten, den Bildern und kleinen Gedichten versuche ich diesen Weiler Finsheen, der inzwischen seiner Sichtbarkeit weitestgehend entzogen ist, dessen Spuren vielfach überwachsen oder von der Kirche überbaut wurden, darzustellen.

Ich suche die Dinge hinter dem Offensichtlichen, das Gewesene und nahezu Verschwundene, Spuren der Zeit, Spuren der Jahrtausende, die vergangen sind. Auch wir werden eines Tages vergangen sein und doch nicht ganz verschwunden, anwesend noch in Spuren.

Die Arbeiten entstanden nach meinem Cillíní Projekt, den verborgenen, namenlosen Friedhöfen für die ungetauft verstorbenen Kinder, die nach der Lehre oder zumindest nach dem Usus der katholischen Kirche nicht in geweihtem Grund bestattet werden durften.

Ich werde in den nächsten Jahren weitere Arbeiten zu diesen »verborgenen«, unbekannten Orten machen, zu den verlassenen Inseln, Stätten, die Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende bewohnt waren, die Heimstatt für so viele Generationen waren und nun verlassen sind. Uns Heutigen ist ein Leben an diesen abgeschiedenen Orten, die der Natur so viel näher sind, als wir es je sein werden, wohl nicht mehr möglich.

Aber eine Romantisierung wäre ganz falsch. Es waren sicher extrem harte Lebensbedingungen an diesen Orten, die durch Hunger und große Not gekennzeichnet sind. Und doch war es ein besonderes Leben, wie es der irische Fischer Tomás Ó Criomhthain (angliziert als Tomas O'Crohan ), der von 1856 bis 1937 auf den Blasket-Inseln vor der irischen Küste lebte, in seinem Buch schrieb: »Leute wie uns wird es nie wieder geben«.

Mich interessiert, das nicht Vorhandene darzustellen, einen Ort und seine unsichtbare Geschichte einzufangen, den Menschen, die dort lebten und starben, ein Denkmal zu setzen.

 

 

1 Als 1845 die Kartoffelpest ausbricht, kommt es deshalb zur Katastrophe. Es ist der Auftakt für die größte Hungersnot in der irischen Geschichte. Zwar überstehen die meisten den ersten Winter unter entsetzlichen Entbehrungen, doch auch die nächsten Ernten sind von der Krankheit befallen. Die englischen Hilfsmaßnahmen sind halbherzig. Auch geht der Export von Vieh, Getreide und anderen Lebensmitteln aus Irland nach Großbritannien und in die Kolonien uneingeschränkt weiter. Eine Million Menschen verhungert, und bis 1920 wandern drei Millionen Iren aus. Die Ereignisse haben sich tief in das Gedächtnis der Iren eingegraben. Nicht vergessen ist auch der Zynismus der anglikanischen Kirche, die Hungernde mit einem Teller Suppe zum Konvertieren bewegen wollte.

Ralf Sotscheck  auf www.planet-schule .de

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