documenta

Aktualisiert: 5. Juni 2018

René Böll

Und wir malen einfach weiter

Dokumenta 11: Der Salon von Kassel oder: Wer bestimmt die Aufgabe der Kunst ?


Im Vorfeld ist vieles über die Documenta und die vier vorbereitenden Foren berichtet worden, so dass wohl niemand unvoreingenommen zur Documenta geht. Ich denke, man sollte trotzdem versuchen, genau das zu tun. Einfach festzustellen, was sehe ich dort - nicht, was weiß ich, was werde ich sehen. Ich habe das versucht, so schwierig es auch sein mag.

Im 19. Jahrhundert zeigte der jährliche "Pariser Salon" die, wie man heute sagen würde, "angesagten" Künstler. Wer dort ausstellte, gehörte dazu. Die Funktion dieses Salons kann man sehr gut mit der Rolle der Documenta vergleichen, weil auch sie fast ausschließlich Künstler und Kunstrichtungen zeigt, die von der allgemeinen Kritik, den Galerien und Museen akzeptiert werden.

Denn: Experimentell und modern, wie sie zu sein scheint, ist die Documenta keineswegs, sind doch die Vielzahl der ausgestellten Kunstrichtungen auch schon jahrzehntealt. Vieles auf der Documenta, die ja einmal eine wirkliche Vorreiterrolle spielte, wirkt auf mich altbacken und ist künstlerisch und politisch den 68ern verbunden. So frage ich mich: Was heißt überhaupt modern? Wer definiert das? Bestimmen alleine die Materialien oder die Technik, was modern ist?

Politisierung

Die Kunst auf der Documenta muss offensichtlich einen politischen oder gesellschaftskritischen Hintergrund haben. Für mich dagegen muss Kunst keinen "Sinn" haben, keine Aussage machen. Sie ist "schlicht" Bestandteil des Lebens. Viele "Begründungen" im Katalog der Documenta für die ausgestellten Werke wirken auf mich wie Entschuldigungen und geschwätzige Rechtfertigungen für die "unerhörte" Tatsache, dass man überhaupt noch Kunst macht - statt ohne Umwege gleich am Klassenkampf oder anderen Kämpfen aktiv teilzunehmen. Ich weiß, das ist polemisch und mag manchen Künstlern und Künstlerinnen Unrecht tun, aber ich rede von meinen Eindrücken: Bei der Documenta ist eindeutig der Inhalt von Kunst wichtiger als ihre Form. Und was soll an dieser Kunstauffassung "modern" sein? Dabei sollten Inhalt und Form mindestens gleichwertig sein, für mich persönlich ist darüber hinaus allein der künstlerische Aspekt ausschlaggebend.

Kasten 1

Aus dem Vorwort von Okwui Enwezor

"Fast fünfzig Jahre nach ihrer Gründung sieht die Documenta sich erneut mit den Gespenstern einer unruhigen Zeit fortwährender kultureller, gesellschaftlicher und politischer Konflikte, Veränderungen, Übergänge, Umbrüche und globaler Konsolidierungen konfrontiert. Wenn wir diese Ereignisse in ihrer weitreichenden historischen Bedeutung bedenken und ebenso die Kräfte, die gegenwärtig die Wertvorstellungen und Anschauungen unserer Welt gestalten, wird uns gewahr, wie schwierig und heikel die Aussichten der aktuellen Kunst und ihre Position bei der Erarbeitung und Entwicklung von Interpretationsmodellen für die verschiedenen Aspekte heutiger Vorstellungswelten sind.

Wie können wir diese rapiden Veränderungen verstehen, die nach neuen Ideen und Modellen für ein transdisziplinäres Handeln im globalen öffentlichen Raum unserer Zeit verlangen? Die brisante Aufgabe einer sinnvollen Artikulierung der Möglichkeiten, die der Kunst in einem solchen Klima offen stehen, und der disziplinäre, räumliche, zeitliche und historische Druck, dem sie ausgesetzt ist, bilden den Rahmen der diagnostischen Prozesse und Debatten, in dem die Documenta11 ansetzt. Das Grundkonzept der Documenta11 beruht auf der Formulierung einer Abfolge von fünf Plattformen in Form von öffentlichen Diskussionen, Konferenzen, Workshops, Büchern, Film- und Videoprogrammen, die versuchen, den gegenwärtigen Ort der Kultur und ihre Schnittstellen mit anderen komplexen globalen Wissenssystemen zu beschreiben. Die fünf Plattformen greifen eine Reihe von Fragen auf, die für das intellektuelle Projekt der Documenta11 von zentraler Bedeutung sind. Von der Plattform 1. Demokratie als unvollendeter Prozess über die Plattform 2. Experimente mit der Wahrheit: Rechtssysteme und Wandel und die Prozesse der Wahrheitsfindung und Versöhnung sowie die Plattform 3. Créolité und Kreolisierung und die Plattform 4. Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte – Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos bis hin zur Plattform 5, der Ausstellung selbst, verfolgt die Documenta ihre grundlegende Intention, den Horizont der kritischen Diskussionen im gegenwärtigen Kunstdiskurs zu erweitern."

Aus dem Vorwort von Okwui Enwezor (vgl. Auszug im Kasten 1) wird deutlich, welche Aufgabe der Documenta zugewiesen wird: es geht darum, Kunst zu funktionalisieren, sie politisch nutzbar zu machen, es geht nur am Rande darum, künstlerische Qualität an sich zu zeigen. Es mag ja irgendwo einen Sinn machen, die Kunst auch in ihren politischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen zu betrachten, selbstverständlich sollte es auch für diese Bemühungen einen Ort geben – nur: Ist das modern? Ist das repräsentativ für die Kunst unserer Zeit? Hat das so überwiegend, wie die Documenta es macht, überhaupt noch etwas mit Kunst zu tun? Ich meine, dass Kunst so zur bloßen Illustration von Politik und Soziologie verkommt, mehr noch: sie ist zuweilen nur noch Beiwerk von political correctness.

In anderen Zeiten war Kunst meistens von den Mächtigen, von der Kirche, von Gönnern und Auftraggebern abhängig. Hat sich im Grunde daran nicht viel geändert, sind nur die Auftraggeber andere geworden?

Heute scheint mir der "politisch-soziologische Diskurs" die Kunst in seine Dienste zu stellen, nur vielleicht mit dem feinen Unterschied zu früher, dass dabei oft gar keine Kunst mehr herauskommt. Ist die Kunst wirklich freier geworden?

Sicher gilt, was ich hier feststelle, nicht für die ganze Documenta, aber mein Eindruck, dass Kunst fast nur noch in Funktion auf Politik und Wissenschaft ihre Geltung haben soll, ist doch überwältigend. Das Resultat macht traurig: das alles führt gleichzeitig zur fast völligen Beliebigkeit des künstlerischen Ausdrucks.

Vielleicht führt dieser Weg zu einem ökologischen, politisch korrekten sozialkritischen Realismus, einer neuen Spielart des sozialistischen Realismus, der neben der nicht zufällig ganz ähnlichen Kunst der Nazizeit mit zu den schlechtesten Wegen der Kunst zählt.

Das ist schade und schien doch endlich überwunden. "Moderner" denn je ist für mich der unübertroffene Oscar Wilde: "Alle Kunst ist gänzlich nutzlos", oder: "Ein großer Künstler sieht die Dinge niemals so, wie sie sind. Wenn er sie so sähe, wäre er kein Künstler mehr." Und: "Man kann die Kunst auf doppelte Weise hassen: Erstens, indem man sie hasst. Zweitens, indem man sie in den Grenzen der Vernunft liebt." Schließlich: "Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, nichts sonst."

Pour l’art pour l’art

Ich bin ein Anhänger des l'art pour l'art, das sich stets so definierte:

man sagt sich von den Geschmacksvorstellungen des breiten Publikums und der herrschenden Kritik los, und man bestreitet, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung hat, man dient "selbstgenügsam" der eigenen Einbildungskraft und der Schönheit, die in allem verborgen ist.

Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. Ein Kunstwerk muss mich berühren, bewegen – es soll mich nicht "aufklären", "belehren", schon gar nicht indoktrinieren, kurz neudeutsch: Es braucht keine message!

Dagegen noch einige Beispiele aus den Katalogtexten (vgl. Kasten 2).

Kasten 2

Zu Ravi Agarwal:

"1996 gründete Agarwal seine eigene Organisation, Toxics Link, ein von der Gemeinde betriebenes Informationsnetzwerk, das sich speziell mit dem Sammeln und Verbreiten wissenschaftlicher Daten zu Fragen des städtischen Müllmanagements befasst. Indem Agarwals Fotografien seine fotojournalistische Praxis in den erweiterten Kontext seiner Tätigkeit als Umweltschutzaktivist rücken, wenden sie sich an ein Publikum außerhalb Indiens – vor dem Hintergrund zunehmender ökologischer Probleme durch die Verflechtungen des international boomenden Giftmüllhandels und seiner Gewinnerzielungsstrategien."

Zu Feng Mengbo:

"Fengs radikal neuer Ansatz, männliche Subjektivität durch simulierte Gewalt und Fantasiespiele zu konzeptualisieren, bietet das Potential zur veränderten Wahrnehmung intersubjektiver Beziehungen. Er riskiert aber auch Opfer vorgefasster Interpretationen von Realität und voreingenommener Meinungen zu werden. Der spielerische Umgang mit Formen hedonistischer Selbstdarstellung situiert Q4U an vorderster Front einer kulturpolitischen Herausforderung, die von Computerspielen ausgeht, denn die den Spielen zugrunde liegenden Gestaltungsprinzipien sind auch für Netzwerkanwendungen in der Wirtschaft und für die Lerntheorie von Bedeutung. Individuelle Wahl und Urteilsbildung formen neue gesamtgesellschaftliche Ergebnisse und fördern neue Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung, gegründet auf einer "gesunden" Wettbewerbsfähigkeit und der Potenz virtueller, internetbasierter Gruppierungen."

Zu Thomas Hirschhorn:

"Thomas Hirschhorn ist ein Umgestalter der Condition humana. Unzufrieden mit den aufgezwungenen Definitionen und Beschränkungen einer hyperkapitalistischen, multinationalen Globalisierungsrhetorik, macht er sich das kommunikative Potential des Denkens zunutze. Sein Werk, in dem der materielle Wert hintangestellt ist, umfasst skulpturale Modelle, die vornehmlich aus billigen Produktverpackungsmaterialien der Konsumgüterindustrie – Alufolie, Plastik, Karton und Sperrholz – gefertigt sind. Die Begierden des Kapitalismus werden damit in einen Zustand dauerhafter kreativer Anarchie überführt. Während die "direkten Skulpturen" im Museumsraum gezeigt werden, befinden sich Hirschhorns "Altäre", "Kioske" und "Denkmale" an vergänglichen, verwahrlosten öffentlichen Plätzen. Als temporäre Ausstellungscontainer akkumulieren sie einen Reichtum an visuellen Materialien aus Mode, Kunst, Politik und Philosophie und Spiegeln so die duale Herrschaftsform der Waren- und Wissensproduktion. Sie verbinden, was keinen sichtbaren Zusammenhang aufweist – ein verschönerndes Werbeplakat für Chanel-Mode und eine schreckliche, doch zugleich vertraute Szene aus dem Zweiten Weltkrieg (Les plaintifs, les bêtes, les politiques; Die Ankläger, die Mitläufer, die Politischen, 1994/94 – und verfolgen damit das utopische Ideal der Gedankenfreiheit"

Schön und gut, denkt der Bewohner des Elfenbeinturms, das muss es geben, das ist wichtig, der "einfache" und gesellschaftlich nutzlose Maler, wie ich es bin, muss ja nicht gleichzeitig ein verantwortungsloser Mensch sein. Aber das, nebenbei gesagt, haben moralisierende Oberlehrer und politische Wanderprediger noch nie verstanden.

Nur: Ich habe das Gefühl, die Ausstellungsmacher der Documenta glauben, sich entschuldigen zu müssen, dass sie überhaupt Kunst ausstellen, wo es doch so viele dringendere Probleme zu lösen gibt und es immer klarer wird, dass sich nicht nur eine Klimakatastrophe auf der Welt anbahnt, sondern dass auch viele andere soziale und politische Konflikte und wohl auch kriegerische Auseinandersetzungen unmittelbar bevorstehen. Auch wir Künstler leben ja in und auf dieser Welt, die Frage ist nur, wie soll oder muss der Künstler überhaupt darauf reagieren? Wer legt diese Maximen fest ? Wenn schon apodiktische Kunst-Maximen, dann jedenfalls nicht so platt, wie das bei vielen der Arbeiten auf der Documenta geschehen ist.

Es gibt genug Konferenzen und Seminare weltweit, in denen politische und ökologische Probleme aufgearbeitet werden, wir Menschen müssen nicht noch mit dem ideologischen Holzhammer bearbeitet werden. Die Künstler früherer Zeiten haben ja auch mit ihren Medien auf ihre Zeit reagiert, aber doch auf einem ganz anderen Niveau, ich erinnere nur an Goyas "Desastros de la Guerra".

Für mich spricht aus dem Gesamten der Documenta leider eine uralte Kunstfeindlichkeit in platonischer oder christlicher oder marxistischer Tradition, eine ausgesprochen calvinistisch anmutende Bilderfeindlichkeit. Nur sollte, wer bilderfeindlich ist, vielleicht nicht gerade eine Documenta ausrichten.